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Telekommunikationsnetze im Übergang – Vom Telefon zum intelligenten Allzwecknetz

Wir sind mitten drin in einem Paradigmenwechsel, der die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren dramatisch ändern wird. Und ein Ende dieses Wandels ist im Moment noch überhaupt nicht absehbar. Das betrifft nicht mehr nur die Kommunikation zwischen Menschen, sondern auch die zwischen Menschen und Maschinen und sogar zwischen den Maschinen selber. Über 100 Jahre lang dominierte das Telefon die moderne Art der Kommunikation. Und dann kam das Internet. Anfangs noch klein und leise, ab den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts aber wie eine gewaltig anwachsende Welle. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche nahm ihren Lauf.

So etwas hat Konsequenzen. Und wirft ganz viele Fragen auf. Anfang Dezember zum Beispiel stellen sich die 193 Mitgliedsländer der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) die Frage, ob das Internet in Zukunft nach den gleichen Prinzipien reguliert werden soll wie das klassische Telefonnetz. „Auf jeden Fall“, sagen die Betreiber von Telefonnetzen. „Unter keinen Umständen“, klingt es aus dem Lager der Internet-Firmen. Wirtschaftliche Interessen treten zu Tage, während die einen langsam schrumpfen und die anderen stark wachsen.

Als Heinrich von Stephan, Generalpostdirektor des Deutschen Reiches, am 26. Oktober 1876 erste Fernsprechversuche zwischen Generalpostamt und Generaltelegrafenamt in Berlin durchführte, witzelte man schnell über das „Buch der Idioten“, heute bekannt als Telefonbuch. Denn schließlich hatte man ja Dienstboten, und die waren doch für die Kommunikation völlig ausreichend. All das konnte ihn aber nicht aufhalten, zwischen 1877 und 1881 unter dem Motto „Jedem Bürger sein Telefon“ in Deutschland das modernste Telefonnetz der Welt aufzubauen. Im Gefolge entstanden etliche gut bekannte Großkonzerne, die ein Jahrhundert lang an der Telefonie sehr gut verdienten. Und die Dienstboten? Na ja, die gibt es heute nur noch im High-End-Bereich, Außenminister und so.

Heute passiert vor unseren Augen etwas, dass ein größeres Potential zur Transformation unseres Lebens hat, als die Kombination von Heinrich von Stephans Telefonnetz und Gutenbergs Buchdruckerkunst zusammen. Das, was wir Internet nennen durchdringt mit wachsender Geschwindigkeit alle Bereiche unseres Lebens – Freizeit, Wirtschaft, Politik, Medizin, Energie, Medien, Militär, Transport, etc. Nichts scheint ausgenommen. Die verfügbare Bandbreite wächst, völlig neue Muster und Dienste der Kommunikation sprießen wie Pilze aus dem Boden, extrem leistungsfähige Endgeräte geben uns das Gefühl, das Netz sei ständig mit uns und um uns. Das führt zu großer Begeisterung vieler, aber auch zu Unsicherheit oder Fassungslosigkeit bei jenen, die das Internet jahrelang für eine vorübergehende Modeerscheinung hielten.

Das Internet vereinfacht und verbessert unsere gesamte Kommunikationsinfrastruktur. Wo es bis vor kurzem noch viele unterschiedliche Netze für die jeweiligen Dienste gab – ein Telefon-Festnetz, ein Mobilfunknetz, Datennetze mit ATM / SDH Technik, TV-Netze, und noch das Internet – entsteht vor unseren Augen ein hochmodernes Allzwecknetz: sozusagen das neue Internet. Eine Vielzahl von Technologien reduziert sich grob vereinfacht auf ganz wenige: Ethernet für Daten-Transport, Internet Protocol (IP) für Networking, der Rest ist eine Vielzahl von Anwendungen, die unsichtbar auf Millionen von Rechenzentren – der Cloud – abläuft. Die Betreiber der existierenden vielen dienste-spezifischen Netze stellt das vor eine riesige Herausforderung: man muss die heutige Mannigfaltigkeit der Netze transformieren auf eine einzige Kommunikations-Plattform, und zwar ohne dass die Kunden und Anwender irgendetwas davon mitbekommen.

Diese Umstellung der Netze darf man nicht verschlafen. Man muss sie vorantreiben, solange man mit der traditionellen Technik noch Gewinne machen kann. Diese Herausforderung ist im Grunde für alle diese Betreiber ähnlich und umfasst Arbeitspakete wie:

  • Lösungen für den kosten-effizienten Betrieb der Festnetz- und Mobilfunk Telefonie. Dies muss solange gewährleistet werden, bis die neue Technik ausgereift den Betrieb schrittweise übernehmen kann. Die alte „Cash Cow“ darf man nicht schlachten, solange die neue noch nicht auf der Weide steht. Hier bieten sich z.B. flexible Service Outsourcing Lösungen an.
  • Aufteilung der existierenden Telefonie-Netze in unabhängige Einheiten, die man durch neue Teilnetze nahtlos ersetzen kann. Dieses Arbeitspaket erfordert detaillierte Kenntnisse aus beiden Welten.
  • Auswahl und Integration von kostengünstigen Komponenten der neuen Netztechnologie auf dem Weltmarkt. Diese Netzelemente erfahren eine immer stärkere Standardisierung, so dass sie austauschbar und frei kombinierbar sind. Hier ist unabhängiges Netzwerkdesign gefragt.
  • Der Betrieb der Kommunikationsnetze geht nur unter Einbeziehung einer gigantischen Menge an Daten: über die User, die Netztopologie, Konfiguration, Vergebührung und Abrechnung, Fehlerdiagnose, Sicherheit, Privatsphäre, Leitweglenkung, und vieles mehr. Diese Daten müssen aus den alten Systemen extrahiert, auf die Strukturen der neuen Systeme umgewandelt, und schließlich dort korrekt wieder eingefügt werden. Jeder Schritt muss dabei absolut fehlerfrei ablaufen, um den Betrieb nicht zu stören.
  • Und nicht zuletzt die Entwicklung von neuen Kommunikationsdiensten. Denn hier liegen die Gewinne. Der User sieht nämlich nicht das Netz, welches die Daten überall auf der Welt zur Verfügung stellt. Er kann sich nicht im Entferntesten vorstellen, welche Meisterleistung dort erbracht wird. Er sieht nur die Kommunikationsdienste, und für die ist er auch bereit zu zahlen. Gerade bei der Definition der Kommunikations-Dienste sind der Phantasie immer weniger Grenzen gesetzt. Das moderne intelligente Netz organisiert nicht mehr nur den Aufbau der Kommunikation, sondern enthält eine stark wachsende Zahl von Rechenzentren unterschiedlichster Größe: die Cloud durchdringt das Netz und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten.

Bernd Stahl


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